Sporgasse 23, 8010 Graz
Tel. +43 / 316 / 90 85 35
office@volkskultur-steiermark.at
www.volkskultur-steiermark.at
www.steirisches-heimatwerk.at
Öffnungszeiten:
Mo bis Do: 9.00 – 16.00 Uhr
Fr: 9.00 – 13.00 Uhr
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„Rauschi, ja rauschi rauschi bin i“ – diese Verszeile aus dem von Josef Herzoger geschriebenen und von den Kern-Buam interpretierten Lied „I lieg im Strassengrabn …“ ist wohl einer der ersten Gedanken, wenn es um den Rausch im Lied geht.
Auch im Lied „Mir san vom Gradnertal“ von Sepp Kern wird der nahende Rausch besungen. Viele Trinklieder beschäftigen sich mit dem Rausch und seinen Auswirkungen. Meist werden diese verharmlost und in scherzhafter Weise dargestellt. Das gilt auch für das Trinklied „Jetzt hab i mein Schimmel verkauft“.
Eine frühe steirische Textvariante veröffentlichte Anton Schlossar im Jahr 1880 unter dem Titel „Der Bauer im Wirtshaus“. Sie erschien ohne Noten in seinem Werk „Steiermark im deutschen Liede“. Die Aufzeichnung stammt aus Klein-Reifling. Schlossar wies darauf hin, dass das Lied auch in Eisenerz und seiner Umgebung verbreitet gewesen sein soll.
Die älteste datierte handschriftliche Aufzeichnung stammt aus Oberwölz. Hans Fraungruber schrieb das als „Fuhrmannslied“ bezeichnete Lied auf und versah es mit der Jahreszahl 1830. Lediglich der Liedanfang stimmt mit späteren Belegen überein. Die weiteren Strophen unterscheiden sich deutlich. Schon in der ersten Strophe wird der Schimmel verkauft. Danach geht der Sänger in das nächste Wirtshaus und trinkt dort den ganzen Tag.
Die Aufzeichnung wird im Steirischen Volksliedarchiv unter der Signatur StVLA HS 033 verwahrt.
Eine weitere Fassung nahm Alois Fellner 1883 in Landl unter dem Titel „Trinkerlied“ auf. Auch hier beginnt das Lied mit dem Verkauf des Schimmels. In den folgenden Strophen wird gefragt, wohin die Rauschigen kommen und wo sie begraben werden. Die Antworten bleiben in der überzeichneten Bildwelt eines Trinkliedes: Im Himmel schenkt Petrus Zwetschkenbrandwein aus, und als Begräbnisstätte wird ein Platz unter dem Weinfass besungen.
Die Aufzeichnung befindet sich unter der Signatur StVLA HS 307 im Steirischen Volksliedarchiv.
In dieser Fassung kommt auch die historische Bezeichnung „Kråwåd“ vor. Das Wort wurde in der Steiermark als xenophobes Schimpfwort beziehungsweise als abfällige Bezeichnung für Kroaten verwendet. Kroatische Wanderhändler waren in der Steiermark unterwegs und gehörten einer Randgruppe an, die nicht gern gesehen war. Der Ausdruck wird hier ausschließlich im Zusammenhang mit der historischen Quelle genannt und eingeordnet. Josef Pommer wollte diese Fassung bereits 1918 im Ankündigungsband „Das Volkslied in Österreich“ veröffentlichen. Gedruckt erschien dieser jedoch erst 2004 als bearbeiteter und kommentierter Nachdruck.
Auch in der Weststeiermark war das Lied verbreitet. Im Jahr 1908 sang das Dienstmädchen Resi Schober aus Pichling bei Köflach dem Sammler Franz Richter eine Fassung vor. Diese Aufzeichnung wird im Steirischen Volksliedarchiv unter der Signatur StVLA HS 29 verwahrt.
Auch darin wird gefragt, wo die Rauschigen hinkommen und was sie dort machen. Im Himmel, so lautet die Antwort des Liedes, gebe es einen Wirt, der alles regiere und die Rauschigen in die Schnapshäuser führe. Zwei weitere Belege im Steirischen Volksliedarchiv kommen ohne die abwertende Bezeichnung aus. An ihre Stelle tritt der „Gråbenwirt, der ålles versoffen håt“.
Beide Aufzeichnungen stammen aus dem Nachlass des Grazer Bibliothekars Adalbert Jeitteles. Der Nachlass gelangte 1910 in das Steirische Volksliedarchiv.
Die beiden Fassungen tragen die Archivsignaturen StVLA HS 297 und StVLA HS 300.
Aus dem älteren Trinklied entstand eine Soldatenliedfassung mit dem Titel „Und wann i mei Häuserl verkauf“. Sie thematisiert einen Soldaten, der aus dem Krieg heimkehrt und nicht mehr in das gewöhnliche Leben zurückfindet. Wein und Schnaps kommen in Soldatenliedern häufig vor. Einerseits setzten sie die Hemmschwelle der Soldaten herab. Lange Zeit war es üblich, Soldaten täglich eine Ration Alkohol zur Verfügung zu stellen. Andererseits machte der Alkohol auch das Soldatenleben und das Leben nach dem Krieg erträglicher.
Konrad Mautner veröffentlichte 1918 das Lied „Und wann i amal gstorbn soll sein“. In seiner Quellenangabe bezeichnete er es als altes Trinklied, das erst in jüngerer Zeit in anderer Weise als Lied vom Soldaten, der alles versoffen habe, neu entstanden sei. Dieser Hinweis spricht dafür, dass die in den Handschriften überlieferte Fassung mit dem verkauften Schimmel die ältere Form ist. Später wurde das Lied an die Situation der Soldaten angepasst. Aus dem Schimmel wurde ein Häuserl, und an die Stelle der ursprünglichen Figur trat ein Soldat. Die Fragen der einzelnen Strophen blieben nahezu gleich: Wer hat uns zum Trinken verführt? Wo kommen die Rauschigen hin? Und wo wird der Friedhof sein?
Auch die 1889 gegründeten Einserschützen in Wien hatten das Lied in ihrem Repertoire. Im Jahr 1924 wurde es im Liederbuch „Lieder der Einserschützen“ veröffentlicht. Ludwig Bergolth berichtete, dass ihm das Lied seit seiner Kindheit bekannt gewesen sei. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sei es häufig im Gasthaus seines Vaters in Frauenhofen gesungen worden. Vor allem Maurer und Bauarbeiter, die in Wien beschäftigt waren, hätten das Lied in die Region gebracht. Bergolth sah darin einen Ausdruck der verzweifelten Stimmung der abgerüsteten und vielfach gestrandeten Soldaten der zusammengebrochenen k. u. k. Armee. Auch in der Soldatenliedersammlung des k. u. k. Kriegsministeriums aus dem Ersten Weltkrieg ist das Lied überliefert. Dort findet sich eine Fassung mit acht Strophen.
Der Verlag Blaha in Wien veröffentlichte vermutlich in den 1880er-Jahren ein Flugblatt mit dem Lied und dem Titelzusatz „Altes Soldatenlied“. Da diese Flugblätter weite Kreise zogen, könnten sie wesentlich zur Verbreitung der Soldatenliedfassung beigetragen haben.
Die Melodie kann dem „Neubayrischen“ zugeordnet werden. Dieser Tanz scheint erstmals 1819 in der Sonnleitner-Sammlung auf und wurde durch Gesang ergänzt. Viele Sauf- und sogenannte Lumpenlieder lassen sich diesem Melodietypus zuordnen.
Sowohl die Trinkliedfassung als auch das Soldatenlied sind in ganz Österreich überliefert. Varianten finden sich außerdem in Böhmen und Schwaben. Gustav Jungbauer veröffentlichte das Lied unter dem Titel „Der Saulruder“ in seiner Sammlung „Volkslieder aus dem Böhmerwalde“. Eine weitere Aufzeichnung mit dem Liedanfang „Jatzt han i mei Schimmele verkauft“ findet sich bereits in Ernst Meiers 1855 erschienener Sammlung „Schwäbische Volkslieder mit ausgewählten Melodien“.
Die Aufzeichnungen im Steirischen Volksliedarchiv dokumentieren die unterschiedlichen Formen des Liedes über einen langen Zeitraum. Aus dem Lied über einen Bauern oder Fuhrmann, der seinen Schimmel verkauft, wurde ein Soldatenlied über einen Kriegsheimkehrer. Figuren und einzelne Textstellen änderten sich. Die zentralen Motive und Fragen blieben jedoch erhalten. So lässt sich anhand der verschiedenen Fassungen nachvollziehen, wie sich das Lied regional verbreitete und an unterschiedliche historische Lebenssituationen anpasste.
Zur Autorin
Mag. Doris Grassmugg ist Vorstandsmitglied im Steirischen Volksliedwerk. Als Mitarbeiterin der Volkskultur Steiermark GmbH ist sie für das Steirische Volksliedarchiv und die volkskulturelle Bibliothek zuständig.
Der Original-Beitrag erschien unter dem Titel „Wo kemman die Rauschig’n hin?“ in „Der Vierzeiler“, Ausgabe 2/2026, Seiten 33–35.